Michael wurde 10.08.1967 in Bern geboren und wuchs mit zwei Brüdern, Alexander (*1965) und Lorenz (*1972), in Muri bei Bern auf. Sein Vater Alfred (*1936) war Zahnarzt, seine Mutter Irene (1937–1996) studierte Kunstgeschichte und später englische Literatur. Das Familienhaus war, solange die Mutter lebte, ein offenes Haus für Freunde. Das Interesse für Vögel und Spinnen begleitet Michael seit früher Kindheit. Einen Großteil seiner Zeit verbrachte Michael als Kind daher umherstreifend, in passionierte Betrachtung versunken wie auch der Rêverie hingegeben, in der Elfenau, der Auenlandschaft in unmittelbarer Nähe zum Elternhaus. In sorgfältigster Manier hielt Michael dabei seine Beobachtungen, allen voran Spinnenstudien, zeichnerisch und schriftlich fest. Oftmals verweilte Michael den ganzen Tag über, zwischen Gräsern und Gewässern kauernd und bisweilen, ähnlich Calvinos Baron in den Bäumen, im Geäst einer Eiche thronend, in der Elfenau, bevor er zum Abendessen an den Familientisch heimkehrte – das heißt, wenn er sich überhaupt nach Hause begab, denn Michael verbrachte immer wieder, den Rufen der Waldkäuze folgend, auch nächtliche Stunden in seinem Reich: am Ort des Glücks, der Geborgenheit umsummter und besungener Abenteuer sowie des dunklen und lichten Vergehens, unwiderruflichen Verschwindens und Verschluckens der Zeit.
Mit zwölf Jahren bereiste Michael mit seinem ebenfalls ornithologisch begeisterten Freund Jesco von Puttkamer Naturschutzgebiete in Norddeutschland, um insbesondere Meeresvögel aus nächster Nähe zu studieren. Bald nach dieser Reise erwachte Michaels seither anhaltendes Interesse für die bildende Kunst. Geweckt wurde seine Faszination entscheidend durch die Werke Lorenzettis in der Pinakothek von Siena, zu welchen ihn seine Mutter führte. Von dem Lorenzetti zugeschriebenen Tafelbild einer Barke am Strand mit Felsen wurde Michael geradewegs hineingezogen.
Rund drei Jahre nach diesem Initiationserlebnis, im Alter von rund fünfzehn Jahren, sollte der von der Sieneser Kunst des Trecento entfachte Jugendliche in Baulmes bei Yverdon seine bis anhin dürftigen Französischkenntnisse verbessern. Durch die Vermittlung einer Freundin der Mutter wurde er zu diesem Zwecke von der Familie Quinche aufgenommen. Edmond, der Vater der sechsköpfigen Familie, war zu Michaels Freude selbst Kunstmaler. So kam es, dass Edmond den kunstinfizierten Zögling unter besondere Obhut nahm. In Edmonds Atelier verbrachte Michael unzählige Stunden mit dem Anreiben von Farben und der Bildbetrachtung. So war es denn auch Edmond, der Michael auf Goya, Rembrandt, Bresdin und Seghers aufmerksam machte und ihm eindringlich zum Studium der Werke Alter Meister riet. Fortan wuchs eine innige Bindung zwischen Michael und Edmond, der ganzen Familie Quinche und nicht zuletzt den weiten Wäldern Baulmes, in denen Edmond und Michael spazierend, sinnierend und observierend viel Zeit verbrachten. Ein weiteres beseeltes Terrain verwob sich im Geiste mit der Verzauberung der Elfenau, mit dem Ort, der Michaels erste Weltempfindungen in sich birgt.
Mit zwanzig Jahren, nach Abschluss des Seminars Hofwil in Münchenbuchsee, begann Michael sein Studium der Kunstgeschichte an der Universität Bern bei Norberto Gramaccini, mit dem er sehr bald freundschaftlich verbunden war. Mit ihm teilt Michael seither den gärenden Genuss, die Kunst in ihrer kontemplativen Betrachtung und im Gespräch in ein lebendiges, an- und umtreibendes Gegenüber zu verwandeln. Auch gründeten Norberto und Michael gemeinsam den Verlag Edition Atelier für Publikationen zur Kunst in Bern. Parallel zum Studium war Michael während zwei Jahren Assistent Ulrich Looks in der Kunsthalle Bern und eröffnete zudem mit seinem Freund Christian Denzler eine kleine Kunstgalerie, deren Betrieb er schon bald allein führte und ausbaute. Das Ausstellungsprogramm erfreute sich bei einem kleinen Kreis von Kunstschaffenden und einigen wenigen Sammlerinnen und Sammlern an großer Beliebtheit. Mit dem zunehmenden Desinteresse Michaels am Kunstmarkt erwies sich das Galerieprojekt finanziell als problematisch und wurde von ihm folgerichtig beendet.
Sein Sohn Maxime ging aus der ersten Ehe mit der französischen Balletttänzerin Sonia Bouligny hervor. Nach der Trennung von Sonia und Michael ließen sich Sonia und der damals zweijährige Maxime in Caen in der Normandie nieder, während Michael, weiterhin in Bern wohnhaft, von da an für die nächsten vierzehn Jahre alle zwei Wochen nach Paris reiste, um mit Maxime Zeit zu verbringen. Auf diese Weise entdeckten Vater und Sohn zusammen die Stadt in ihren entzückenden Details. Die Stadt wurde den beiden Benjamin’schen Flaneuren zum erweiterten Wohnzimmer; sie wurden, so könnte man sagen, zu Intimisten der Stadt. Gemeinsam besuchten sie Theater, Ausstellungen, Restaurants und fanden dabei bald Freunde wie die Filmemacherin Altinaï Petrovic-Njegos und den russischen Violonisten Anton Martynov mit ihrem Sohn Nikolai sowie die Philosophin, Dichterin und Malerin Eugénie Paultre.
Mit der Tänzerin und bildenden Künstlerin Daria Gusberti verband Michael eine elfjährige Beziehung, die sie zu gemeinsamen Erkundungsreisen nach Griechenland, insbesondere in die Kunstszene von Athen und auf die Insel Anafi, führte. Michael und Daria gründeten das Kulturcafé Lehrerzimmer im Kulturzentrum PROGR, dem ehemaligen Schulhaus des Progymnasiums in Bern, wo sich seither rege die Kunstszene der Stadt Bern trifft. Im Tessiner Rustico der Schwestern Gusberti verbrachten Daria, ihre Schwester Maia, Michael und Maxime über Jahre den Sommer. Das Centovalli mit seinen Kastanienbäumen, Birken, den Äskulapnattern und der Vielfalt an Insekten, all den Faltern und Heuschrecken hinterließ in Michael einen lebendig gebliebenen, flimmernden Eindruck. In dieser Zeit konzentrierte sich Michaels künstlerische Arbeit nach wie vor auf das Zeichnen, auf die erinnernde Erfindung von tellurischen und aquatischen Gefilden, von Verwesungswinkeln des Vertrauten und Fremden, mikro- und makrokosmischen Geländen, technisch-organischen Abschnitten, Anordnungen und Wucherungen, von besiedelten, bevölkerten und bewachsenen Land- und Himmelsstreifen, Revieren und Territorien, von vagen Zonen, transitorischen Räumen: Atopien, Dystopien, Utopien, von, mit Nikolaj Schultz gesprochen, »landkranken« Überlebensräumen.
Das Zeichnen war es denn auch, welches Michael und mich Ende 2017 zusammenführte. Bereits bei unserer ersten Begegnung faszinierte mich Michaels scharfsinnige, kritische, doch in seiner Liebe zur Kunst gleichsam sanftmütige Art der Bildbetrachtung und -besprechung. Von nun an trafen wir uns zum gemeinsamen Zeichnen, am häufigsten in der Michael so vertrauten Elfenau, zu Ausstellungs-, Konzert und Kinobesuchen, immer längeren und verschlungeneren Spaziergängen und Gesprächen. Wir besuchten die St. Petersinsel bei Biel, lasen einander Rousseaus Confessiones und Walsers Spaziergang vor – beides Schriftsteller, die bis heute unser Denken und Schaffen flankieren, nicht zuletzt durch die Freundschaft mit Reto Sorg, den Leiter der Robert Walser-Stiftung in Bern.
Wie Michael begleiteten mich das Zeichnen und mithin langsam brütendes und imaginierendes Harren in eigens dazu erkorenen Nischen und Schlupflöchern seit Kindertagen. Die Beglückung über die sprachliche Anreicherung und Verfeinerung der Kunstbetrachtung und allgemein der kontemplativen Anschauung der Dinge konnte Michael auf eine freimütige, ansteckende Weise mitteilen, wie ich es zuvor noch nie bei einem Menschen erlebt hatte. Jahre später, wie aus unserer innigen Freundschaft, im romantischen Jargon würde ich mit einem Hauch ungestümer Zärtlichkeit durchaus von Seelenverwandtschaft sprechen wollen, eine Liebesbeziehung erwachsen war, gestand ich Michael, ich hätte mich allererst und in einer mich in meinen Grundfesten erschütternden Weise in seine Liebe zur Kunst verliebt. Unsere gemeinsame Welt begann zu wuchern. Und wie Deuleuzes und Guattaris Rhizom wuchert sie bis zum heutigen Tag mit jedem geteilten Gedanken, jeder Gebärde, wird reicher an Nähe und Ferne, erstreckt sich gleichermaßen ins Mikrowie ins Makrokosmische. Wir sind zwei Reisende im Kosmos – auf unseren täglichen Spaziergängen im Quartier, in der Stadt, in der Elfenau; wir reisen zu Michelangelos Gefangenen, Leonardos Abendmahl, zu Rembrandts Jakobskampf mit dem Engel und, zuletzt auf unserer Hochzeitsreise im Herbst 2023, abermals zu Lorenzettis von Felsen beschirmter Barke am Strand.
Beate Krethlow, 2025
Michael was born in Bern on 10th August 1967, and grew up in the neighbouring town of Muri bei Bern with his brothers Alexander (born 1965) and Lorenz (born 1972). His father Alfred (born 1936) was a dentist, his mother Irene (1937–1996) studied art history and later English literature. While his mother was alive, the family kept an open house for friends. From early childhood, Michael was fascinated by birds and spiders. As a child he spent much of his time wandering about the Elfenau, the parkland near his home, absorbed in passionate observation of the natural world and lost in daydreams. On his wanderings, Michael would carefully record his observations in drawings and texts, especially studies of spiders. He would often spend whole days in the Elfenau, crouched between grasses and ponds, or occasionally, like the baron in Calvino’s The Baron in the Trees, enthroned in the branches of an oak, before returning home for supper—that is, if he went home at all, because Michael would frequently stay out in his kingdom till well after dark, drawn by the calls of brown owls. This was for him a place of joy, of seclusion and of untold and fabled adventures, where day passed into night, and the flow of time bore all things irrevocably out of existence.
At the age of twelve, Michael toured nature reserves in North Germany to study sea birds at close quarters, accompanied by his friend and fellow ardent ornithologist Jesco von Puttkamer. It was soon after this journey that he developed an interest in visual art that would last to this day. A crucial moment occurred during a visit to the Pinakothek in Siena with his mother, when he became fascinated by the work of Lorenzetti. He was immediately drawn to a panel painting attributed to the artist, showing a small boat tethered near the shore behind a rocky cliff.
Around three years after this first encounter, at the age of about fifteen, the young man with a passion for the Sienese art of the Trecento was sent to improve his meagre knowledge of French in the village of Baulmes near Yverdon, in French-speaking Switzerland. There he stayed with the Quinche family, with whom a friend of his mother had put them in touch. Michael was delighted to learn that Edmond, the father of the family of six, was himself an artist. He spent countless hours in Edmond’s studio, preparing paints and contemplating pictures. It was Edmond, too, who introduced him to the work of Goya, Rembrandt, Bresdin and Seghers, and strongly advised him to study the work of the Old Masters. From then on, a close bond developed between Michael and Edmond, the whole Quinche family and, not least, the deep forests around Baulmes, where Edmond and Michael spent a great deal of time walking, pondering and observing nature. In Michael’s mind, the spirit of this landscape became interwoven with the enchantment of the Elfenau, the place that had nurtured his first feelings for the world.
At the age of twenty, after finishing at Hofwil School near Münchenbuchsee, Michael began a degree in art history at the University of Bern, studying under Norberto Gramaccini. The two quickly became friends, having discovered they shared the pleasure of reflecting on and talking about art, transforming it into a moving, perplexing, living subject. Together Norberto and Michael founded the publishing house Edition Atelier, which published writings on art in Bern. While doing his degree, Michael worked as an assistant to Ulrich Looks at the Kunsthalle Bern, and also opened a small gallery with his friend Christian Denzler. Soon he was running it himself, and as it grew, its programme of exhibitions came to enjoy great popularity among a small circle of artists and a few collectors. As Michael became less and less interested in the art market, the gallery became difficult to maintain financially and he eventually closed it.
His son Maxime was born from his first marriage to the French ballet dancer Sonia Bouligny. After Sonia and Michael separated, she moved with their then two-year-old son to Caen in Normandy, while Michael continued to live in Bern. Over the next fourteen years, he would travel to Paris every fortnight to spend time with Maxime. In this way, father and son came to discover the city in all its charming details. To these two Benjamin-like flâneurs, the city became an extended living room; you might say that they became its Intimists. Together they visited theatres, exhibitions and restaurants, and in the process made a number of friends, among them the filmmaker Altinaï Petrovic-Njegos and the Russian violinist Anton Martynov, their son Nikolai, and the philosopher, poet and painter Eugénie Paultre.
Michael was in a relationship with the dancer and visual artist Daria Gusberti for eleven years. During this time, they made several research trips to Greece, in particular to visit the art scene in Athens and to the island of Anafi. Michael and Daria opened the culture café Lehrerzimmer in the PROGR cultural centre, the former school house of the Progymnasium in Bern, which has since become a popular meeting place for Bern’s art scene. For years Daria, her sister Maia, Michael and Maxime spent their summers at the Gusberti family’s rustic cottage in Ticino, southern Switzerland. The Centovalli (literally “Hundred Valleys”) region, with its chestnut trees, birches, Aesculapian snakes, great variety of insects, and many species of moths and grasshoppers, left a living, teeming impression upon Michael. At this time, Michael continued to concentrate on drawing in his artistic work; he invented from memory landscapes both terrestrial and aquatic, corners where things familiar and strange moulder and decay, regions macro- and microcosmic, details technical and organic, structures and growths, strips of land and sky settled, populated and overgrown, districts and territories, vague zones, transitory spaces: atopias, dystopias, utopias, and what Nikolaj Schultz calls “land-sick” spaces of survival.
It was also drawing that, in late 2017, brought Michael and me together. From our very first meeting, I was fascinated by the way he looked at and talked about pictures: astute and critical, yet at the same time gentle in his love of art. From then on, we met to draw together, most often in the Elfenau, which Michael knew so well, but also to visit exhibitions, concerts and the cinema. We enjoyed ever longer and more complex walks and talks. We visited St Peter’s Island near Biel, and read Rousseau’s Confessions and Walser’s Walk to each other—both writers that influence our thoughts and actions to this day, not least thanks to our friendship with Reto Sorg, the head of the Robert Walser Foundation in Bern.
Like Michael, I have drawn since I was a child, and spent a great deal of time slowly brooding in imaginative expectation, hidden in niches and corners chosen specially for the purpose. More than anyone I have ever known, Michael is able to convey, in a straightforward and infectious way, his delight in enriching and honing a language for talking about art, and for the contemplative observation of things in general. Years later, when our close friendship had blossomed into love (if I were, in a fit of impetuous tenderness, to use romantic terms, I would not hesitate to call him my soulmate), I confessed to Michael that I had first and foremost, and in a manner that shook me to the core, fallen in love with his love of art. Our world together began to grow rapidly. And, like Deleuze and Guattari’s rhizome, it grows to this day, becoming richer, with every shared thought, every gesture, whether we are together or apart, extending as much into the micro- as into the macrocosmic. We are two travellers in the cosmos—on our daily walks through our neighbourhood, across the city, in the Elfenau; we travel to see Michelangelo’s Prisoners, Leonardo’s Last Supper, Rembrandt’s Jacob Wrestling with the Angel and, most recently on our honeymoon in the autumn of 2023, once again to Lorenzetti’s boat near the shore, sheltered by a rocky cliff.
Beate Krethlow, 2025